27.11.2014 00:00

173. Unternehmertreff mit Prof. Dr. Jörg Baberowski, Humboldt Universität zu Berlin Geschichte Osteuropas

Zwischen Propaganda und Wahrheit


Fünfundzwanzig Jahre nach dem Ende des Kalten Krieges stehen sich Ost und West in der Ukraine in einem fest gefahrenen Konflikt  gegenüber, der an längst vergessen geglaubte Zeiten erinnert. Professor Jörg Baberowski, Historiker an der Berliner Humboldt-Universität, warb als Gast des 173. Unternehmertreffs des Netzwerks ZENIT e.V. am 27. November um einen sensibleren Umgang des Westens mit den Befindlichkeiten des heutigen Russlands. 

Als die Sowjetunion Anfang der 1990er Jahre zerfiel, war dies nicht das Ergebnis eines Aufstandes von Millionen von Sowjetbürgern, sondern der Beschluss einiger Eliten.  Daraus resultierte auch die Unabhängigkeit der Ukraine, die erst durch die sowjetische Politik 70 Jahre zuvor entstanden war. Der heutigen Regierung  unter Putin falle der Abschied vom ehemaligen Imperium allerdings immer noch extrem schwer.  Für sie sei die Ukraine kein fremdes Land, sondern der mythische Geburtsort Russlands. „In Kiew wurde das Imperium gegründet, und in Kiew wird es nun zu Grabe getragen“, so Baberowski. Man trauere hinter etwas her, was es nicht mehr gibt und leide an Phantomschmerz. Genau diesen mache sich Putin zum Werkzeug. „Er schwimmt auf einer Welle der Popularität, die er niemals erlangt hätte, wenn im Westen Europas und in den USA begriffen worden wäre, was das sowjetische Imperium war und welche Rolle die Ukraine in ihm spielte.“ Natürlich könnten die Regierungen in Europa  stolz darauf sein, Einheit und Vielfalt in Einklang gebracht zu haben. Aber warum gestehe man Menschen auf der Krim oder im Osten der Ukraine nicht zu, was man für die Südtiroler für selbstverständlich halte? Und warum ignoriere der Westen die Angst der Russen vor einer Ausdehnung der Nato in Richtung Osten? 

„Nun ist geschehen, was niemand wollte, aber jedermann hätte voraussehen können. Es gibt eine Krise, aber keinen Ausweg.“ Sanktionen statt Verhandlungen bestimmten die aktuelle Politik. Putins Russland sei zwar keine Demokratie, kein Modell für Frieden und Freiheit, aber eben das, womit der Westen umzugehen lernen müsse, so der Russlandkenner. Gerade Deutschland könne kein Interesse an einer Destabilisierung Russlands haben. Um wieder näher aneinander zu rücken und einen Ausweg zu finden, müsse man die  Perspektive des anderen verstehen wollen. Und dazu gebe es keine Alternative:  „Wir stehen am Anfang, nicht am Ende des Konfliktes“ ,so das nüchterne Fazit.

Wie intensiv das Thema die Zuhörer bewegte, zeigte eine sich an den Vortrag anschließende lange Diskussion mit zum Teil sehr emotionalen Beiträgen.